Pfungen 25. Oktober 2026
30. Sonntag im Jahreskreis A, 25. Oktober 2026
Einen Fremden sollst du nicht ausnützen und ausbeuten… (Ex 22 20)
Liebe Mitchristen,
In jeder Religion der Welt wird immer wieder diskutiert, welche Gebote oder Verbote am wichtigsten sind und ob diese allgemein Gültigkeit für alle haben sollen oder nicht. Sowohl im Judentum als auch im christlichen Kontext, besonders in Zeiten Jesu, war diese Frage wichtig. Heute im Evangelium wollten die Pharisäer prüfen, ob Jesus die Vorschriften der Tora halte oder nicht. Jesus ergreift dies als eine Gelegenheit, um nicht nur das wichtigste Gebote zu erklären, sondern darüber hinaus. Gottesliebe und Nächstenliebe sind die wichtigsten Gebote. Jesus zeigt aus jüdischer Tradition eine Grundorientierung, wie wir im Alltag leben und handeln können.
Nicht nur heute, sondern schon damals hat das Judentum mit dem Liebesgebot gerungen. Die erste Lesung von dem Buch Exodus spricht von diesem Ringen, konkret im Umgang mit Fremden. Die Begründung ist klar. Das Volk Israel war fremd in Ägypten und sie haben selbst erlebt, dass Fremdheit zur Ablehnung, Ausgrenzung und Ausbeutung führen kann. „Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen“ (Ex 22,20). Auch im Buch Levitikus steht „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde … soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen“ (Lev 19,33f). Dieses Gebot gilt nicht nur für die Fremden, die seit über 10 Jahren Zuflucht bei uns gefunden haben, das gilt auch für die Beziehungen, in denen wir verwickelt sind. Vielleicht ist es dort sogar schmerzhafter!
Jede und Jeder von uns weiß, wie schwer es sein kann, in einem Land als Fremder zu gelten. Spätestens in den Ferien erfahren wir dies in den Ländern, die wir bereisen. Selbst in totalitären Regimen und Ländern wünschen wir uns eine gute und humane Behandlung, die getragen ist von universaler Sicht des Menschen und Menschenrechten. Oft wünschen wir uns sogar eine spezielle, bevorzugte Behandlung, manchmal gegenüber den Einheimischen. Da wir aus den Ländern kommen, in denen Milch und Honig fließt und aus unseren zahlungskräftigen Gründen, oder vom Gefühl her von einer gehobenen Rasse kommend, darum wollen wir eine besondere Behandlung. Wenn Reichtum oder hohe Ausbildung dazu kommen, umso mehr verlangen wir mit Nachdruck solche Rechte. Wir wollen Anerkennung und geschätzt werden von allen, die uns während dieser Zeit begegnen. Wie sieht es bei uns konkret aus? Wie werden sogenannte „Fremde“ bei uns behandelt, im Alltag, bei der Wohnungssuche, in der Politik, bei der Suche für Ausbildungsplätze oder eine Lehre für Kinder aus solchen Fremden-Familien? Dürfen unsere Kinder Freundschaft mit ihnen schließen und dürfen sie auch Fremdenpartner/in heiraten?
Aber andererseits überrascht uns im Ausland, wie Menschen selbst in den ärmsten Verhältnissen uns „Fremde“ während der Urlaubszeit gegenüber auftreten. Oft geben sie uns das Beste oder gar das Letzte, was sie besitzen. Dieses Musterverhalten ist ein Beispiel von reichem und gesunden Menschenbild, getragen von konkreter Gottes- und Nächstenliebe. Jede weltliche oder christliche Entscheidung und Handlung lässt sich nur auf die Gebote von Gottes- und Nächstenliebe überprüfen. Überall, wo wir diese beiden Gebote zum Grundsatz unserer Handlungen machen, wird es uns bewahren, pauschal Menschen und Menschengruppen abzulehnen und zu verurteilen.
Wir anerkennen in Europa und einigen Ländern der Welt ihre Bemühungen durch Gesetze und Vorschriften, dieses Liebesgebot und gesundes Menschenbild zu regulieren. Ein Sprichwort der Igbo aber sagt „Du kannst einen Verrücken heilen, aber oft bleibt das Durchführen von Selbstgesprächen weiterhin bei ihm erhalten“. Oft ertappen wir uns, wo wir im täglichen Handeln nicht alle Menschen gleichwertig behandeln und akzeptieren, sonst wäre es schwer zu erklären, warum die Parteien, welche auf unwürdiges Menschenbild agieren, in einigen Ländern nun gewinnen und Aufwind bekommen.
Wir als Menschen sind zutiefst miteinander verbunden, gerade im dem, was wir zum Leben brauchen. Kein Land der Erde ist eine Insel und kein Mensch lebt für sich allein. Es gibt auch Dinge, die alle Menschen zum Leben brauchen, Kleidung, Essen, Ausbildung, ein sicheres Dach über dem Kopf, sowie soziale Bindung und Liebe. Heute laden uns die Lesungen ein, die Herausforderungen der Liebes-Gebote von Gott und dem Nächsten anzunehmen. Denn nur darin erkennen und erleben wir Gottes- und Nächstenliebe konkret. Gott schenke und die Kraft dafür… Amen.