Pfungen 15. März 2026
4. Fastensonntag i Jahreskreis A, Pfungen 14. März 2026
Und als er zurückkam, konnte er sehen (Jon 9,7)
Liebe Mitchristen,
Zum Thema „Die Blindheit des Menschen“ werde ich die Auslegung von Dirk Meyer dazunehmen. Schon in der ersten Lesung hören wir «Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz» (vgl 1. Sam 16,7). Und im Evangelium sehen wir die Heilung des blind Geborenen. So nehmen wir zwei Arten von sehen wahr. Das eine Sehen tastet die Oberfläche der Objekte ab – das was vor den Augen steht. Das andere Sehen schaut unter die Oberfläche – gleichsam in die Tiefe. Für das erste sind unsere Augen zuständig und für das zweite Sehen reichen unsere Augen nicht aus; dafür sind unsere Herzen und unsere Seele zuständig.
Diese erste Sehens-Möglichkeit könnte man auch wissenschaftliches Sehen nennen. In der Wissenschaft zählen nur die Fakten und objektivierbare Gegebenheiten – das, was vor den Augen von jedem gesehen werden kann. Das, was man beweisen kann. Man kann als Instrument entweder ein Mikroskop oder ein Teleskop benutzen. So sieht man entweder was sehr klein und winzig ist, oder was weit entfernt ist. Ein Blick in beide Instrumente ist sehr faszinierend.
Die andere Seh-Gewohnheit und Seh-Möglichkeit ist nur mit dem Herzen und der Seele wahrzunehmen, aber auch mit Glauben-Augen wahrzunehmen. Hier verlassen wir den Bereich des Objektiven und legen unser Teleskop und Mikroskop beiseite. Die Sehgewohnheit des Herzens ist das Subjektive – das ganz eigene, persönliche Sehen: meine Visionen, meine Träume, meine Empfindungen und meine Gefühle, meine Hoffnungen und mein Glaube. Dies kann man nicht mehr beweisen, man kann es nur erleben, oder mit dem Herzen wahrnehmen. Manchmal liegen die beiden Sehgewohnheiten des Menschen miteinander im Streit. Welche zählt und welche zählt nicht? Zählt nur, was vor den Augen liegt oder zählt nur das, was ich mit dem Herzen wahrnehme?
Es geht heute also in der Lesung um Blindheiten des Herzens und der Augen. Beide Blindheiten sind schlecht! Der Blinde im Evangelium sieht nicht das, was vor den Augen liegt und die Pharisäer sehen nicht mit ihren Herzen! Sie sehen die Visionen und Träume, die Empfindungen und Gefühle, die Hoffnung und den Glauben nicht. Die Blindheit der Augen verhindert den objektiven – sachlichen – Blick. Die Blindheit des Herzens verhindert die Liebe. Wir kennen auch heute beide Arten von Blindheit. Es gibt einen Glauben, der blind ist für das Objektive. Und es gibt eine Wissenschaft, die blind ist für das Subjektive. Ein blinder Glaube sieht nur das Eigene, Persönliche: meine Visionen, meine Träume, meine Empfindungen und meine Gefühle, meine Hoffnung und meinen Glauben. Die Blindheit führt zu einer Wut im Herzen: ich werde fanatisch und unduldsam, rechthaberisch und intolerant. Die Gefahr ist, dass ich mich von meiner Umwelt abkapsle, dass ich mich selbst isoliere, dass ich eigenartig werde in meiner Frömmigkeit, in meiner Verbohrtheit, in meinem Wahnsinn.
Eine blinde Wissenschaft sieht nur das Allgemeingültige. Sie trägt nur das, was für alle gelten kann. Eine solche Wissenschaft steht in der Gefahr kalt, lieblos, streng, gefühllos und hartherzig zu werden. Das Evangelium erzählt wie unterschiedlich das Sehvermögen des Menschen sein kann und wie blind einer gegenüber einer anderen Sichtweise blind wirken kann. Heute hören wir, wie Jesus dem Blindgeborenen beide Augen geöffnet hat. Jesus heilt zuerst seine äusseren Augen und danach führt er ihn in das innere Auge des Glaubens und des Herzens. So antwortet er auf die Frage «Glaubst du an den Menschensohn? zunächst mit: Wer ist er?» Aber später mit dem Bekenntnis «Ich glaube Herr». Jesus lädt uns heute ein, genauer auf die Sehgewohnheiten unseres Lebens zu schauen und auf Blindstellen zu achten. Vorwiegend soll der Blick auf Jesus uns dabei helfen, denn der Mensch sieht nur, was den Augen vorliegt, Gott aber sieht das Herz des Menschen… Amen.