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30. Sonntag im Jahreskreis C,

Pfungen 26. Oktober 2025

30. Sonntag im Jahreskreis C, Pfungen 26. Oktober 2025

…wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden (Lk18, 14)

Liebe Mitchristen,

Ich habe mir sagen lassen, wer in Ostfriesland einen «Pharisäer» bestellt, bekommt ein Kaffeegetränk serviert, das den verräterischen Duft seines hochprozentigen Alkoholgehaltes unter einem adretten Sahnehäubchen versteckt. So wird dadurch deutlich, wie im Christentum die Pharisäer in Verruf gerieten und als Repräsentanten einer falschen und verlogenen Frömmigkeit gesehen wurden. Diese Bewertung wird jedoch nicht ihrer historischen Realität gerecht! Die Pharisäer wollten möglichst rein und gesetzestreu leben. Dahinter stand nicht Scheinheiligkeit, wie wir oft vermuten, sondern eine grosse Sehnsucht nach dem Abbruch des messianischen Friedensreiches in Israel. Ihre Vorstellung ist, erst wenn ganz Israel die Tora Adonai treu zu leben begonnen hätten, könne der Messias kommen.

Die Pharisäer sind eine reine Laienbewegung und standen der aristokratischen Priesterschaft und dem Tempel von Jerusalem kritisch gegenüber. Für ihren Geschmack verkehrten die Sadduzäer und die Hohenpriester zu sehr mit der verhassten Besatzungsmacht der Römer. Dadurch werden sie Gott, als dem wahren und einzigen Herrn Israels, untreu. Also statt Gott mit irgendeinem Ritual und Tempelkult zu ignorieren, setzen sie lieber auf das gottgefällige Leben des Einzelnen. Jesus in seiner Zeit hat sehr viel mit den Pharisäern zu tun gehabt und stand ihnen näher als allen anderen religiösen Gruppen. So erklärt sich natürlich die Reibereih zwischen ihm und den Pharisäern. Das spätere Christentum übernahm diese Reibungsfläche, so geraten die Pharisäer in Verruf.

Eigentlich ist das Problem von Hochnäsigkeit und Überheblichkeitnicht typisch pharisäisches, sondern ein menschliches Problem, welche in der Kultur vorhanden ist. Eigentlich geht es im heutigen Text gar nicht wirklich um ein Gebet, sondern ein Selbstgespräch und eine Rechtfertigung eines von sich überzeugten Menschen. Er führt Selbstgespräche mit denen hinter ihm, um sein Ergo zu polieren! Er ist mit sich so zufrieden, dass er Gottes Gnade gar nicht mehr braucht! Es gibt auch Menschen, die sich «unbescholtene Bürger» nennen, im Gegensatz zu den anderen, die es mit dem Gesetz nicht so genau nehmen und deshalb als Verbrecher gelten! Leider führt solche Haltung oft dazu, dass der gegenüber anderen gnadenlos wirkt. Damit hat seine egozentrische Frömmigkeit sein Herz verdorben. Schlimmer noch, er merkt es gar nicht einmal!

Die zwei Personen heute, der Zöllner steht für eine andere Frömmigkeit und das Resultat ist, dass er Gott mehr nahesteht als der Pharisäer in unserer Geschichte. Natürlich könnte er auch heute andere beten, indem er nicht nur er selber, sondern auch die Priester mit der Besatzungsmacht der Römer verkehren. Er könnte auch sagen, dass er für seine Frau und die Kinder ohne die anderen durch seine mickrige Zollstation kein Essen auf den Tisch bringen kann. Folglich kann er gar nicht anders handeln, als seinen Beruf auszuüben. Dazu kann er sich auch kein Luxusleben leisten, da er eine strenge Gesetzestreue der Tora zu halten versucht.

Anstatt Gott alle diese Rechtfertigungen und Ausreden vorzuführen, betet er einfach «Gott, sei mir armem Sünder gnädig». Er weiss selbst, dass er nach den Massgaben der offiziellen Religion, gar nichts von Gott zu erwarten hätte. So setzte er alles auf die Gnade Gottes, wenn er schon von anderen als Sünder gebrandmarkt wird. Dieser Pharisäer war offenbar gerechtfertigt, das heisst zufrieden nach Hause, der andere aber nicht. Er sieht sich als besser als den anderen, die vor Gott noch unrein sind! Manchmal braucht man nicht eine Litanei unserer Verdienste vorzuführen, um mit Gott zu beten. Oft reichen einfache, kurze Worte, welche aber aus dem Herzen kommen. Beten wir wie der Zöllner heute «Gott, sei mir armem Sünder gnädig… Amen».